TOLERANZ FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN

Vielfalt tut gut.

Die erste Belastungsprobe kam überraschend. St. Georg hat sie bewältigt. Das hat mit Menschen zu tun, die sich seit Jahren kennen, Unterschiede aushalten und miteinander reden. Sie haben gemeinsam Kultur- und Religionsgrenzen überschritten und wissen, dass sie sich aufeinander verlassen können. Sie treten gemeinsam für Frieden ein – im Stadtteil, in der Stadt und in der Welt.

Was war geschehen?

Am Abend des 7. Oktobers 2014 tauchten in St. Georg jugendliche, gewaltbereite so genannte IS-Sympathisanten auf und bedrohten den kurdischen Kulturverein. Die Lage eskalierte. Es kam zu einem Zusammenstoß mit Kurden, die kurdisches Leben nicht nur in Kobane, sondern auch in Hamburg bedroht sahen. Über zwanzig Menschen wurden verletzt, vier von ihnen schwer. Die ganze Nacht kursierten Falschmeldungen aller Art. Dass sie nicht zu weiterer Gewalt führten, ist dem funktionierenden Netzwerk in St. Georg zu verdanken. St. Georg hat die Eskalation der Gewalt verhindert. Das hat mit Menschen zu tun, die sich seit Jahren kennen, Unterschiede aushalten, miteinander reden und gemeinsam für eine friedliche Stadt eintreten. Die Beziehungen zwischen diesen sogenannten Akteuren im Stadtteil sind belastbar.

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Und wie sieht es zwischen den Menschen aus, für die sie agieren? An sie wendet sich der Lokale Aktionsplan Vielfalt St. Georg- Borgfelde. Es sollen auf vielen Ebenen belast- bare Beziehungen entstehen. Der Traum ist: Menschen, insbesondere junge Menschen in St. Georg oder Borgfelde lernen sich kennen, nehmen kulturelle Unterschiede wahr und respektieren sie, sie entdecken Neues, lernen voneinander und stehen sich im Notfall bei. So leben sie die interkulturelle Vielfalt als gemeinsamen Mehrwert. Dieser Traum wird nur wahr, wenn alle Menschen sichtbar sind und gesehen werden, wenn sie mitreden und gehört werden. Wenn alle sich selbst und die anderen als wertvollen Teil unserer Gesellschaft erleben – ganz gleich, woher sie kommen, woran sie glauben und wie sie leben.

Gesundheitsbotschafter (2012/2013)

Wir sprechen über Aids.

Die Gesundheitsbotschaftlerinnen und Gesundheitsbotschaftler der AIDS-Hilfe beantworten Fragen in Ihrer Community zum Thema HIV, AIDS und wie man sich schützen kann. Es sind Afrikanerinnen und Afrikaner, die sich in der AIDSHilfe Hamburg ehrenamtlich engagieren. Sie werden von der AIDS-Hilfe geschult, damit sie schamfrei über HIV und AIDS reden können. Sie beraten nicht, sie informieren. Sie gehen in ihre Communities und kommen ins Gespräch mit den Leuten. Die Gesundheitsbotschafter kommen aus vielen afrikanischen Ländern, zum Beispiel: Kamerun, Togo, Kenia, Somalia oder Bukina Faso, die meisten sprechen Französisch oder auch Englisch.

Gespräche können überall stattfinden. Zum Beispiel bei einem Fußballspiel. Dort gibt es dann Infotische und mobile Teams. Auf diesen Tischen sind die Infomaterialien, Kondome sowie kleine Geschenke. Die Gesundheitsbotschafter gehen zu zweit mit einer Tasche voll mit Materialien herum. So kommen sie ins Gespräch und vermitteln Informationen über Gesundheit. Am Infotisch sitzt immer jemand und beantwortet bei Interesse Fragen zum Thema Prävention. Die Gesundheitsbotschaftler sind keine Fachleute, aber sie können den Leuten, die mehr wissen wollen oder Beratung haben wollen, anbieten, zur AIDS-Hilfe zu gehen. Sie geben Interessierten auch eine erste Orientierung wohin man sich wenden kann, zum Beispiel um einen Test machen zu lassen.

Die Gesundheitsbotschaftler machen eine Ausbildung bei der AIDS-Hilfe. Sie lernen was der Unterschied zwischen HIV und AIDS ist. Wo Leute hingehen und sich anonym und kostenfrei testen lassen können sowie Risikosituationen abzuschätzen. Schließlich lernen die Gesundheitsbotschafter auch, wie sie mit den Leuten über Sex reden können. Derzeit sind 12 männliche Gesundheitsbotschafter aktiv und 7 Gesundheitsbotschafterinnen. Wenn Aktionen oder Veranstaltungen stattfinden, ist es hilfreich, wenn die Männer mit Männern sprechen und die Frauen mit Frauen. Wenn zum Beispiel in einer Kirche eine Aktion veranstaltet wird, dann ziehen sich die Männer und die Frauen getrennt zurück und reden. Auch an Infotischen sind immer zwei Leute, ein Mann und eine Frau.

Orte für die Veranstaltungen der Gesundheitsbotschaftler werden gezielt ausgewählt. Es wurde eine Community Map erstellt. Auf dieser Karte haben die Gesundheitsbotschafter Orte aufgezeigt, wo sie Afrikanerinnen und Afrikaner finden können. Beispiele hierfür sind das Wettbüro oder der Afroshop. Mögliche Orte können auch religiöse Gemeinden sein oder Vereine. Es gibt auch die Möglichkeit sich das Informationsmaterial bei der AIDS-Hilfe abzuholen um einen kleinen Infotisch zu machen.

Das Projekt Vielfalt hat zwei Projekte gefördert. Im ersten Jahr sind die Gesundheitsbotschafter rausgegangen in St. Georg und haben auf der Straße und in den Wettbüros am Steindamm junge Leute angesprochen. Es gab auch eine Kooperation mit der Takwa-Moschee, weil einer der Gesundheitsbotschafter dort aktiv ist. Mit den Teilnehmenden wurde später ein Workshop veranstaltet.

Hier gab es ein paar Herausforderungen. Es wurde festgestellt, dass es schwer war, Frauen und Mädchen auf der Straße anzusprechen und dass die Gesundheitsbotschafterinnen auf der Straße zum Teil von Männern beschimpft wurden. Im Workshop war es einfacher. Deshalb sind die Gesundheitsbotschaftlerinnen im zweiten Jahr konkret auf die Zielgruppe Frauen und Mädchen auf der Straße zugegangen. Sie haben gezielt junge Leute bis 27 Jahren zu einem Workshop eingeladen. Das machen sie bis heute regelmäßig. Der Workshop heißt: „Ich weiß etwas, was du nicht weißt“. Da geht es um interkulturelle Erfahrungen, also die Frage, was die Einzelnen an Wissen mitbringen und wie sie die Vielfalt des Wissens gut im Team einsetzen können. Daraus ist die Projektaufgabe entstanden, bei einem interkulturellen Fest als Team zu helfen.

Town Hall Debate (2013/2014)

„Wir wollen sagen, wie es uns geht.“

Es klingt so einfach: Alle sprechen über ein Problem und finden eine Lösung. In Ghana klappt das. Warum nicht auch hier? Der muslimische Familienverein Majid Rahma hat zweimal zu einer Town Hall Debate einladen. Vorstandsmitglied Rafiwu Salami erklärt, worum es geht. (Auszug)

Herr Salami, woher kommt die Town Hall Debate?

Wir kennen das aus Ghana. Wenn die ethnischen Clans Probleme miteinander hatten, dann haben erst die Chiefs versucht, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Wenn das Problem ein paar Monate später wieder angefangen hat, dann war klar: Wir müssen eine Town Hall Debate machen. Dann diskutieren die wichtigsten Leute aus den Clans öffentlich. Alle können dabei sein. Jeder bekommt mit, wie sich die Parteien auf eine Lösung einigen. Wir sind damit groß geworden. Town Hall Debates gibt es überall, in der islamischen Moschee, in der christlichen Mission, in der Schule, in der Politik, sogar im Parlament. 

Sie haben dann eine öffentliche Town Hall Debate gemacht. Warum?

Hier in Hamburg haben wir gemerkt, dass es viel Diskriminierung gibt. Wir wollen zeigen, wie es uns geht. Wir wollten darüber in der Öffentlichkeit sprechen. Es ist der Versuch, eine Lösung zu finden. Wenn man das gehört hat, dann beobachtet man anders. Dann merken die Leute, das stimmt, und denken, was da passiert, das finden wir nicht in Ordnung. Da wollen wir eine Lösung. 

Was hat das verändert?

Drei Monate nach der Town Hall Debate haben wir immer noch darüber gesprochen. Die Jugendlichen haben gemerkt: Wir müssen uns nicht immer verstecken. Sie können sagen: Ich bin Moslem oder Muslimin und ich stehe dazu. Das ist auch gut so. 

Straße der Poesie (2012)

Im Herbst 2012 haben sich mit der Unterstützung von Vielfalt St. Georg-Borgfelde Viola Livera als Projektleiterin, Daniel Neculai als Projektbegleiter, Steffen Gottschling als Fotograf und Alexander Resch als Filmemacher auf eine poetische Entdeckungsreise in die Rostockerstrasse Ecke Hansaplatz (St. Georg, Hamburg) begeben. Dabei ist eine enge Zusammenarbeit mit Schülern der 9. Klasse und ihrem Klassenlehrer der Klosterschule St. Georg entstanden.

Gemeinsam wurden Interviews mit Anwohnern und Passanten über das Thema Poesie geführt und Bekanntschaften mit sozialen und kulturellen Einrichtungen und Vereinen in St. Georg auf eine neue Art geknüpft.

Es war vor allem die soziale und kulturelle Mischung, die die Vielfalt unserer poetischen Sammlung auf der Strasse der Poesie hier in der Rostockerstrasse ausmachte. Das gesammelte poetisches Material aus den Interviews wurde auf „Omas weiße Lieblings-Kopfkissenbezüge“ gebracht und diese, als Höhepunkt des Projekts für alle sichtbar quer über die Rostockerstrasse und am Hansaplatz für circa zwei Wochen aufgehängt.

Eröffnet wurde die Ausstellung mit einem Straßenfest auf dem Hansaplatz, bei dem die Schüler die gesammelten poetischen Kleinode zum Besten gaben - begleitet durch Tanz und Musik von lokalen Musikern aus St. Georg.